Was Bedeuten bedeutet …?!

Wenn man danach fragt, was eigentlich Bedeuten bedeutet, muss man erstmal eingestehen, dass man nichts mit sich selbst erklären kann und es sich deshalb hier um eine Tautologie handelt. Es kann also gar nicht um eine Definition nach dem Muster „Bedeuten bedeutet folgendes:….“ gehen, aber genau das ist der Punkt: Bedeutung ist immer dynamisch und unterliegt Vorbedingungen, die man in den Blick nehmen muss.

Erstens: Bedeuten kann nur etwas in einem Zusammenhang mit etwas anderem.

Dieser Zusammenhang ist der Kontext, der ist allerdings häufig sehr verschachtelt. Wenn man nach Bedeutung fragt, befindet man sich aber auf jeden Fall schon mal im Kontext der Sprache. Und dabei vergisst man viel zu häufig, dass eben auch Sprache Bedingungen unterliegen muss, die in ihr Bedeutungen möglich machen.

Sprache ist äusserst vielfältig, gleichzeitig aber auch sehr begrenzt in ihren Möglichkeiten, wenn man sie sich von Aussen anschaut. Beim Erlernen von Fremdsprachen wird das deutlich. Das englische Wort please zum Beispiel könnte man ins Deutsche mit dem Wort bitte übersetzen. Aber bedeutet please auch bitte? Nein, please bedeutet nur please, denn man befindet sich im Sinnsystem der englischen Sprache. Zwar nutzen Engländer und Deutsche den gleichen lateinischen Zeichencode, um Bedeutungen mit unterschiedlichen Wörtern darzustellen, aber der Kontext ist ein anderer, so dass ein Deutscher verwundert angeschaut wird, wenn er beispielsweise beim Überreichen eines Geschenks please sagt… Im richtigen Kontext würde das Fremdwort zwar immer noch nur please bedeuten, aber zumindest wäre man den Regeln der Höflichkeit nachgekommen.

Die Kontextgebundenheit von Bedeutung wird vielleicht noch deutlicher, wenn man Gegenstände, Gesten, oder Bilder anschaut. So kann beispielsweise ein Ring aus dem Kaugummiautomaten in einem besonderen Kontext das gleiche „bedeuten“, wie ein Ring aus Gold, wohingegen beispielsweise ein Hakenkreuz, das in Sanskrit Swastika heisst, in dem einen Kontext eine komplett andere Bedeutung hat, als im anderen Kontext… Für Zeichen gilt allgemein, dass man das Zeichen selbst häufiger von seiner „Bedeutung“ getrennt betrachten sollte – eine Aufgabe, die sich leicht anhört, aber oft spätestens an Sprache und Schrift scheitert, denn außerhalb dieses Kontextes begibt man sich auf unsicheres Terrain…

Zweitens: Damit Etwas etwas bedeuten kann, bedarf es (mindestens) eines Beobachters.

Untrennbar mit Kontext und Bedeutung ist (mindestens) ein Beobachter verbunden. Ein von Erdschichten bedecktes Fossil hat beispielsweise sicherlich so lange keine Bedeutung, bis es freigelegt, katalogisiert und in eine Theorie von Erdzeitaltern eingeordnet wird. Es bedarf eines Beobachters, damit irgendein Ding von der unbestimmten Menge anderer Dinge unterschieden und dem Ding damit bereits irgendeine Bedeutung zuerkannt wird.

Zwangsläufig muss es sich bei der Frage nach Bedeutung immer um einen Wahrnehmungs- oder Kommunikationsprozess handeln. Nach tradierter Annahme ist das ein Subjekt – Objekt Prozess, bei dem irgendetwas von einem Sender an einen Empfänger übermittelt wird, aber könnte von einem Fossil eine intentionale Bedeutung ausgehen, oder ist es Aufgabe des Beobachters, die objektiven Eigenschaften eines Fossils nur noch „wahr“-zu-nehmen?

Flugsaurier

Flugsaurier-Fund im oberfränkischen Wattendorf

Fragen, mit denen sich auch die Literaturwissenschaft lange beschäftigte. Wer produziert eigentlich die Bedeutung eines Textes? Autor oder Leser? Dass es keine einzige, richtige inhaltliche Bedeutung eines Textes geben kann, wird spätestens dann deutlich, wenn man sich einem unbekannten Code gegenübersieht und man nicht einmal weiss, ob es sich überhaupt um einen Code handelt…

Unterscheidung, die einen Unterschied macht

Hier helfen zum Verstehen des Begriffs der Bedeutung vielleicht verwandte Wörter weiter, wie Sinn, oder Information, was man als kleinste Einheit von Sinn gegenüber Unsinn bezeichnen kann. Aber auch beim Begriff der Information liegt unentrinnbar ein Beobachter zugrunde. Sieht dieser sich einem unbekannten Code, oder Kontext gegenüber, besteht seine Aufgabe darin, etwas von etwas anderem zu unterscheiden und zu versuchen, Informationen zu sammeln, also Zusammenhänge und Muster aufzudecken, die eventuell Aufschluss über irgendeine Art von Sinn und einen Kontext geben, die schließlich eine Bedeutungszuschreibung in seinem Kontext ermöglichen.

Die entscheidende Erkenntnis, mit nachhaltig gravierenden Auswirkungen für unser Verständnis von Welt, Ding und Bedeutung ist die, dass alles ausschließlich aus dem Grund existiert, weil es von einem Beobachter wahrgenommen wird. Ausserhalb dessen gibt es nichts, beziehungsweise es gibt nur das, was auch möglich ist. Es gibt keine ontologische Qualität irgendeines Dinges ausserhalb seiner Wahrnehmbarkeit. Stellt man die Frage danach, ob es etwas ausserhalb dessen gibt, befindet man sich bereits im Ordnungssystem von Sprache und bezieht damit einen Kontext, oder Möglichkeitsraum ein, den man eigentlich ausschliessen wollte.

Durch die Operation der Unterscheidung wird sowohl das Unterschiedene, als auch der Möglichkeitsraum, aus dem Unterschieden wurde, spezifiziert. Die Operation der Unterscheidung und die Existenz gehören zusammen. Ich erkenne etwas als etwas, weil ich so bin, wie ich bin und nicht, weil etwas so ist, wie es ist.

schnee

Chaos und Ordnung

Wenn man also nochmal nach Bedeutung fragt und es keinerlei Seins-Qualität von irgendetwas ausserhalb seiner Wahrnehmbarkeit gibt, stellt man fest, dass man es mit einer begrenzten Menge an Möglichkeiten für Bedeutungen zu tun hat und dieser Möglichkeitsraum zwangsläufig von mindestens einem beteiligten Beobachter aufgespannt wird. Für Teilnehmer an Kommunikation, seien es Menschen, Tiere, Organismen, oder Systeme allgemein, gibt es nur die Operation des Beobachtens, die bedeutet, etwas von etwas anderem, was auch möglich wäre, zu unterscheiden. Dabei muss allerdings hervorgehoben werden, dass die Operation des Beobachtens nicht ausschließlich passiv ist, wie in einem Subjekt-Objekt Prozess, sondern Beobachten immer gleichzeitig Handeln ist.

Jedes Handeln ist Beobachten und jedes Beobachten ist gleichzeitig Handeln.

 Mit dieser grundlegenden Voraussetzung ist die Operation des Unterscheidens selbst gleichzeitig ihre eigene minimale Kontextualisierung. Das bedeutet, dass Beobachten der allererste Kontext von Beobachtung ist und dass auf dieser untersten Ebene ausschliesslich beobachtet werden kann, dass eine Unterscheidung stattfindet, es aber keinerlei Informationen darüber gibt, was unterschieden wird. Ein Was (weitere Kontextualisierungen in einem Sinnsystem), kann erst entstehen, durch andere Beobachter, die beobachten, dass ein Beobachter beobachtet.

Ein derartiger Beobachter wäre beispielsweise eine Nervenzelle, die etwas unterscheidet, indem sie feuert, oder nicht feuert und sie diese Unterscheidung selbst – unmissverständlich in der binären Codierung Ja, oder Nein – wahrnimmt. Das Was entsteht dann erst im Kontext mit anderen Zellen, Organen und so weiter und das könnte dann beispielsweise in diesem Sinnsystem der Körperwahrnehmung Schmerz bedeuten. In künstlichen Umgebungen kann eine derartige Unterscheidung getroffen werden, indem Strom fliesst, oder nicht fliesst – unmissverständlich codiert durch 1 oder 0…

Richtig und falsch kann sich demzufolge nicht auf eine ontologische Qualität eines Dinges, oder die Bedeutung einer Nachricht beziehen, sondern nur auf einen Erfolg von Kommunikation. Jegliche Bedeutung für einen Beobachter ist immer zusammengesetzt aus Unterscheidungen, die kontextualisiert sind und diese gleichzeitig für einen anderen Beobachter, der auch er selbst sein kann, etwas kontextualisieren.

Gregory Bateson prägte den Begriff der Information, als kleinster möglicher Einheit einer Unterscheidung. Information ist in seiner Definition eine Unterscheidung, die einen Unterschied macht, der wiederum von anderen Beobachtern auf seine Unterscheidung von etwas anderem hin beobachtet werden kann. Nach Gregory Bateson entsteht also Bedeutung von Kommunikation erst durch Kommunikation selbst und durch Kontextualisierungen von Kontextualisierungen und damit durch die Reduktion eines Möglichkeitsraumes, aller Bedeutungen, die in einem Kontext auch möglich gewesen wären:

„The essence and raison d’être of communication is the creation of redundancy, meaning, pattern, predictability, information and / or the reduction of the random by restraint.“

Dabei sind es, wie gesagt, nicht die Beobachter, die kommunizieren, sondern die Kommunikation kommuniziert als selbst stabilisierendes System aus Möglichkeiten. Die Kommunikation produziert dabei aus sich selbst heraus Sinn – mindestens den, dass ein Beobachter Unterscheidungen getroffen hat, weil das offensichtlich möglich war… Dieser Selbstzweck der Sinnproduktion der Kommunikation verweist unhintergehbar auf ihren eigenen Möglichkeitsraum. Erfolgreiche Kommunikation bedeutet deshalb immer ein ständiges Eröffnen und gleichzeitiges Einschränken von Freiheitsgraden für einen Beobachter, weitere sinnvolle Unterscheidungen zu treffen…

Binary-code-by-Jim-Sher-Creative-Commons

Binary code von Jim Sher (cc)

Medien

Damit man nun aber beispielsweise bei der zwischenmenschlichen Kommunikation nicht immer wieder neu bei der Grund-Kontextualisierung einer Unterscheidung anfangen muss, und damit Kommunikation nicht ständig wieder abbricht, wenn sie nicht verstanden wird, unerreichbar ist, oder aus anderen Gründen keine Anschlusskommunikation (erfolgreiches Beobachten einer Beobachtung) stattfindet, gibt es glücklicherweise technische Hilfsmittel der Kommunikation: Medien.

Mit Medien, wie beispielsweise Sprache, Schrift, Buchdruck und Digitalität kann Kommunikation in codierter Form festgehalten, übertragen und verarbeitet werden und überwindet damit zeitliche und räumliche Grenzen – dabei bringen sie allerdings mindestens ihren eigenen Kontext mit.

Um zurückzukommen zum Anfang und zu der Bedingung von Kontext für Bedeutung, wird jetzt der „blinde Fleck“ bei der Frage nach Bedeutung abermals klar: Man vergisst zu leicht, dass schon sehr viele Unterscheidungsprozesse, Kommunikationen und Kontexte beteiligt waren, die es einem Beobachter erlauben, diese Frage im Medium der Sprache überhaupt sinnvoll zu stellen… Hinzu kommen alle Dinge, die schon mal gesagt, geschrieben, gedruckt und digitalisiert worden sind, denn all das sind Kommunikationen, auf die sich Kommunikationen immer implizit beziehen, um sinnvoll zu sein. Medien selbst erweitern ständig Möglichkeitsräume, in denen unterschieden werden kann, sie schränken diese Möglichkeitsräume aber gleichzeitig auch ein, weil Medien auf bisher getroffenen Unterscheidungen fussen, die einige Unterscheidungen sinnvoll ermöglichen und andere ausschließen.

Allzu leicht verfällt man der Versuchung der Gewissheit, anzunehmen, dass eigene Bedeutungszuschreibungen auf dem einzig gültigen Fundament aufgebaut seien, dabei wären mit Blick auf Möglichkeitsräume, aus denen etwas unterschieden wurde, auch völlig andere Unterscheidungen möglich gewesen, also beispielsweise andere Laute in der Sprache, andere Zeichen in Schrift und andere Texte im Buchdruck…

Wenn man also nochmal abschliessend danach fragt, was Bedeuten nun tatsächlich bedeutet, dann fragt man gleichzeitig zwangsläufig, was dieses Bedeuten in allen Kontexten, die man selbst als Steller der Frage gerade mittransportiert, bedeutet – eine Antwort darauf kann befriedigend, oder unbefriedigend sein, sie hätte aber auch eine gänzlich andere Bedeutung haben können, wenn jemand anders jemand anderen unter anderen Umständen gefragt hätte, aber anders war nicht gefragt…

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