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„Über Musik zu sprechen, ist wie zu Architektur zu tanzen“, sagte mal jemand und spielte damit sicherlich auf die Unmöglichkeit an, sich mit einem Medium dem anderen Medium anzunähern, gleichzeitig aber keine andere Möglichkeit zu haben, als mit Sprache Musik zu beschreiben, beziehungsweise mit seinem Körper immer irgendwie in Architektur zu sein und dort eben bestenfalls zu tanzen…
Aber um gleich nochmal die Architektur ins Spiel zu bringen, sagte jemand anderes, dass im Zeitalter des Computers sich in der Architektur zeitweilig das widerspiegeln würde, was man von frühen Textverarbeitungen kennt: Ein eklektizistischer Stilmix: Die vollmundige Anwendung verschiedener Schriftarten, Größen und Layouts würde sich auch bei Farben, Formen und Materialien in der Architektur wiederfinden – allein aus dem Grund, weil es möglich ist, am Bildschirm all diese Elemente zusammenzubringen und sie anschließend real werden zu lassen…

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Flying Lotus

Und natürlich stehen auch bei der Musik immer schon die Instumente im Mittelpunkt, also heute die digitalen Werkzeuge – sowohl als Klangerzeuger und was vielleicht noch wichtiger für die Musik von Flying Lotus und einen sogenannten Digital Maximalism ist, für das digitale Klang-Arrangement am Bildschirm. Und damit ist man dann tatsächlich vielleicht bei sowas, wie Architektur, also bei einer Räumlichkeit, beziehungsweise einer Anordnung von Elementen, die eventuell nicht ausschließlich wegen ihrer Klänge, sondern auch nach Ordnungsprinzipien der Musiksoftware so angeordnet sind, wie sie sind…

Und diese Ordnungsprinzipien kann man hören. Man sagt, das Gehör sei erstmal konservativ insofern, als dass man Muster und bekannte Klänge identifiziert und von Unbekanntem unterscheidet. In dieser Hinsicht wird das konservative Gehör bei Flying Lotus zweifach überfordert – anfangs sind da artifizielle und auch natürliche Klänge auf verwirrende Weise miteinander kombiniert und dann kommt auch noch die Schichtung, Stapelung, Verdichtung und Vervielfachung hinzu, die in dieser Weise nur mit zeitgenössischer Technik möglich ist – beim ersten Hören ein kaum zu entwirrendes Sound-Knäuel…

…aber dann tun sich Pfade und Lichtungen in dem Sound-Dschungel auf, Sprachsamples und Gesang, Melodie-Schnipsel und harmonische Flächen, die sich kurzzeitig ausbreiten, um dann gleich wieder zwischen den rumpeligen Beats im Dickicht zu verlaufen. In dieser Vielfalt, Gleichzeitigkeit und Überladenheit, die man im Gegensatz zu einem musikalischen Minimalismus – in dem es um Präzision, Verlässlichkeit und Variationen weniger Teile geht – als Maximalismus bezeichnen könnte, liegt eine zeitgenössische Ästhetik.

Wenn man dem Konservativismus des Gehörs Genüge tut und man die Platte nochmal hört – in dem Sinne, dass der Genuss an einem künstlerischen Werk höher ist, wenn man es sich erarbeiten muss – wird diese Ästhetik deutlich, gleichzeitig wird aber auch die wundersame Anpassungsfähigkeit des Gehörs deutlich, denn das vorherige Sound-Knäuel offenbart Zusammenhänge und verweist damit letztendlich auf den Hörer, dem es selbst überlassen ist, in diesen anfangs verwirrenden Klängen einen Sinn zu entdecken…Wahrscheinlich ist das das zeitgenössische Element der Musik von Flying Lotus: Es gibt  keine einfachen großen Sinnzusammenhänge mehr. Alles ist fragmentiert und komplex. Es gibt nicht mehr den einen Künstler, dessen Werk seiner einzig richtigen Interpretation harrt – sogar der Künstler hat den Faden verloren und ist wie seine Instrumente nur noch Medium, existierende Dinge aus dem Kosmos herauszufiltern und wiederum – neu arrangiert von Maschinen, die gleichzeitig ihre Prinzipien ins Material mit einschreiben – in den Kosmos abzugeben… In dieser technisch erhöhten Fragmentiertheit und Komplexität selbst liegt dann Schönheit – alles was man will ist vorhanden – man muss nur genau hinhören…

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Flying Lotus „Cosmogramma“, Warp (2010)

 

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Flying Lotus „Until the quiet comes“, Warp (2012)

Bonus:

Einen bemerkenswerten Effekt erzielen die Musikvideos von Flying Lotus, da sie eine Visualisierung von musikalischen Elementen wieder reinholen, indem beispielsweise Tänzer, oder auch Kameraschnitte das Gehörte, optisch widerspiegeln und Zuordnungen der Klänge erleichtern…

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