Heavy Rain

Man muss ja wohl froh sein, über alle Entscheidungen, die man nicht treffen muss, zumindest gilt das für die, mit den schwer wiegenden Folgen. Trotzdem besteht das Leben natürlich aus Entscheidungen, oder besser gesagt aus Unterscheidungen, die innerhalb eines riesigen Möglichkeitsraumes getroffen werden müssen. Die „Was wäre, wenn ich mich anders entschieden hätte?“-Frage wurde im Kino und im Fernsehen schon häufig gestellt. Da gab es Experimente mit alternativen Realitätsebenen und Zuschauer konnten schon über den Verlauf einer Geschichte abstimmen; der interaktive Film entsteht allerdings jetzt am anderen Ende des Spektrums – bei den Videospielen, wo Entscheidungen immer schon massenhaft per Knopfdruck getroffen werden.

Heavy Rain

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Viele Titel, die ihren Schwerpunkt auf Grafik und weniger auf Gameplay setzten, wurden in der Vergangenheit in die Nähe des Films gerückt, wobei die Möglichkeiten, den Verlauf der Geschichte zu beeinflussen und eine tiefer gehende Identifikation mit den Protagonisten, oder gar richtige emotionale Erfahrungen, dabei eher selten waren. Ein Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit für gelungenen interaktiven Film war der Titel Fahrenheit des französischen Entwicklerstudios Quantic Dream. Besonders in der Einführungssequenz und den ersten anderthalb Stunden konfrontierte diese Software den Benutzer mit ganz neuen Ideen in puncto Identifikation mit einem Avatar und einer daran geknüpften Verantwortung fürs eigene Handeln. Leider verlor sich dieser gute Ansatz dann aber schnell in einem etwas obskuren Action-Spiel.
Fünf Jahre später ist es wiederum die Firma Quantic Dream, die die Idee des Interaktiven Films weiterentwickelt hat und uns mit Heavy Rain das bis heute konsequenteste Beispiel dafür liefert.

Heavy Rain

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Erzählt wird die Geschichte, die sich um eine Serie von Morden dreht, aus hauptsächlich vier verschiedenen Perspektiven. Ein junger Familienvater, eine Journalistin, ein ambitionierter FBI Agent und ein abgehalfterter Privatdetektiv werden auf unterschiedliche Art und Weise mit den Morden, die immer nach dem gleichen Schema ablaufen und bei denen jeweils eine Origami Figur am Tatort hinterlassen wird, verstrickt. Dabei entsteht das, was sich hinterher doch sehr schlüssig zu einem Ganzen zusammenfügt, natürlich aus einzelnen Teilen, beziehungsweise Episoden. Innerhalb dieser einzelnen Episoden bieten sich jeweils unterschiedliche Handlungsmöglichkeiten an, die mit verschiedenen Tastenbewegungen ausgeführt werden, oder es gibt Quick-Time-Events, auf die man möglichst präzise reagieren muss. Je nach gewählten Handlungen oder getroffenen Quick-Time-Events kann dann eine Episode unterschiedliche Verläufe haben.

Heavy Rain

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Die stärkste emotionale Verbindung mit der Geschichte bietet die Perspektive des Familienvaters. Man wird zu Beginn des Spiels sehr ausführlich in seine Lebenssituation eingeführt – man wacht mit ihm an einem Samstag Morgen auf, duscht, kocht Kaffee, arbeitet an Entwürfen und lernt seine Frau und die  beiden Söhne kennen. Die heile Familienidylle, ein Kindergeburtstag und ein Besuch im Einkaufszentrum werden in satten Farben präsentiert und machen wegen ihrer Ausführlichkeit die nachfolgenden Ereignisse umso schlimmer. Einer der Söhne stirbt bei einem Autounfall, was dazu führt, dass sich das Ehepaar trennt.
In den nachfolgenden Episoden, in denen sich der Vater dann mit seinem anderen Sohn trifft, sind die bleischwere Trauer und die Sprachlosigkeit zwischen Vater und Sohn fast quälend umgesetzt. Man sucht händeringend nach Möglichkeiten, im Spiel zu handeln, kann aber nur eine Pizza in den Ofen schieben, mit dem Sohn auf dem Sofa fernsehen oder mit ihm über die Hausaufgaben reden. Die Farben im Spiel sind inzwischen ins grau-braune gekippt und es scheint seit Tagen nur zu regnen. Als dann der zweite Sohn offensichtlich vom Origami Killer entführt wird, kann man die Situation des von Selbstvorwürfen gequälten Vaters, der alles dafür tun würde, sein Kind wieder zu bekommen, gut nachvollziehen.

Heavy Rain

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Während viele der Interaktionsmöglichkeiten sich im Spiel darauf beschränken, Aktionen auszuführen, wie Auto starten, Essen machen, Schlips binden, sind es in der Vater Perspektive dann die Erpresser-Briefe, mit denen man vor tatsächlich schwerwiegende moralische Ja/Nein Entscheidungen gestellt wird. „Wenn Sie einen weiteren Hinweis über den Verbleib Ihres Kindes bekommen möchten, fahren Sie als Geisterfahrer bis zur nächsten Autobahnauffahrt!“ Erstmal bleibt einem da kaum eine andere Wahl, als auf die Bedingungen des Erpressers einzugehen. Die Situationen, in die man dann im Folgenden hinein gebracht wird, werden allerdings noch um einiges krasser. Klar kennt man diese konstruierten Dilemmata aus Film und Fernsehen und aus Streifen, wie Stirb Langsam oder der Serie Saw. Da wird mit Gedankenexperimenten gearbeitet, ob man lieber versucht, seine Handschellen, oder den eigenen Knochen durchzusägen, bevor die Bombe explodiert. Wenn man jetzt aber als Spieler in Heavy Rain selbst vor so einer Entscheidung steht und man sich tatsächlich in die Situation der Figuren versetzt und nicht bloß den Spielverlaufs-Entweder/Oder Aspekt sieht, kann einem das ganz schön an die Nieren gehen.

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Heavy Rain

Rein technisch gesehen geht aber Heavy Rain gar nicht so sehr in die Tiefe. Um die tatsächliche Struktur des Spiels zu erfassen, müsste man es wohl mehrmals spielen und sich die verschiedenen Verästelungen der Baumstruktur und ihren Verlauf aufzeichnen. Einige Stellen, an denen wichtige Weichen für den Verlauf gestellt werden, sind offensichtlich, andere Punkte bemerkt man vielleicht gar nicht. Trotzdem ist die Illusion beim Spieler, die ganze Zeit für den Verlauf der Story verantwortlich zu sein, sehr gut umgesetzt dadurch, dass man ständig in einem erhöhten Erregungszustand den Controller hält, um bloß kein einziges Quick-Time Event zu verpassen und dann Schuld zu sein an einem ungünstigen Verlauf.

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Heavy Rain

Rückblickend, nach zweimaligem Durchspielen stelle ich fest, dass ich mir doch etwas mehr Handlungsfreiheit gewünscht hätte. Bis auf die entscheidenden und aber auch sehr sinnvollen Weichenstellungen innerhalb der Story ist der Verlauf von Heavy Rain doch noch zu gradlinig und ähnelt immer noch der langen Cut-Scene mit Quick-Time-Event. Nichts desto trotz bietet Heavy Rain eine spannende, absolut runde und plausible Geschichte, die vor allem wegen ihrer gesamten Präsentation mit tollen Kameraeinstellungen, guter Szenenauswahl, originellen Ideen, tollem Soundtrack und dem Gefühl, ständig für den Verlauf verantwortlich zu sein, zu einem sehr intensiven Spielerlebnis wird.

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