Bilder definieren, was eine Pfeife ist

In unserer heutigen über-visuellen Welt, in der wahrscheinlich noch mehr in Bildern, als in Sprache gedacht wird, scheint das Bewusstsein darüber, wie Bilder funktionieren, trotzdem hinterher zu hinken. Auch wenn wir der Meinung sind, wir hätten uns einen souveränen Umgang mit Bildern angewöhnt und wir hätten die Verwechslung des Abgebildeten mit dem Abbild seit der Renaissance hinter uns gelassen, so gibt es trotzdem immer noch tiefere Wechselwirkungen zwischen Bildern und der Wirklichkeit.

Das wird beispielsweise bei der Verwendung von Bild-Datenbanken deutlich, wenn man eventuell ein Bild von einem Apfel sucht und man zunehmend ein Firmen-Logo präsentiert bekommt… Viel tiefere Auswirkungen könnte aber eine Veränderung von Menschenbildern haben, wenn eine Bildersuche nach Indianer, oder Krankenschwester (sowieso heisst es korrekterweise MTA) nur klischeehafte Stereotypen hervorbringt. Es geht um die Veränderbarkeit der Bilder, die wir uns von der Welt machen – beeinflusst durch technische Bedingungen…

Zu Grunde liegt dieser Problematik gar nicht mal die Absicht, Personen- oder Berufsgruppen zu diskreditieren, sondern vor allem die Beziehung von Sprache zu Bild in einem technisierten Umfeld und – kommunikationswissenschaftlich gesprochen – geht es um einen relativ höheren Informationsgehalt eines Firmen-Logos gegenüber einem banalen Apfel.

Äpfel

Äpfel

Kunst macht sichtbar
Verdeutlichen kann uns diese Problematik die Kunst. “Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar” lautet ein Zitat von Paul Klee. Es geht um einen wechselwirkenden Prozess von Bedeutungszuschreibung von Werk und Betrachter – beide tragen ihren Anteil bei, dass etwas als etwas erkannt wird. Kunst kann uns das verdeutlichen und kann uns zeigen, wie der Zusammenhang von Bild und Sprache funktioniert.

Ein Thema, mit dem sich vor allem die Surrealisten beschäftigten. Träume, Unterbewusstsein und das “Über”-Reale, also das, was einer “vernünftigen” Vorstellung von Realität zu Grunde liegt. In diesem Bereich bewegen sich auch René Magrittes Arbeiten, die allerdings weniger expressive Malerei sind, sondern vielmehr Umgang mit Symbolen. Magritte bedient sich gegenständlicher Formen und rationaler Zeichen, versucht aber durch Veränderung und Kombination nicht-vereinbarer Zusammenhänge, Paradoxien und Widersprüche zu erzeugen und damit die Fragilität einer vermeintlich verläßlichen Realität offen zu legen.

Die inhaltliche Thematik von Magrittes Arbeiten wird auch an anderer Stelle deutlich. Magritte schrieb an Michel Foucault, er würde sich in etwa mit den gleichen Problemen beschäftigen, wie der Philosoph in seinem Buch “Les mots et les choses” (Die Ordnung der Dinge, 1966). Beiden ginge es um unterbewusste Vorprägungen der Menschen, durch die das Denken, das vor allem in Sprache und Bildern stattfindet, fest- und vorgeschrieben ist. Dieses Gerüst einer Wirklichkeit stellt sich aber nach genauerer Betrachtung als Konstrukt und durch tief verwurzelte unbewußte Strukturen, beziehungsweise „Diskurse“, wie Foucault das nennt, vorgeschrieben heraus.

Magrittes, heute teilweise fast schon überstrapazierter Klassiker der Moderne, “La trahison des images / Ceci n’est pas une pipe” (Der Verrat der Bilder / Dies ist keine Pfeife), von dem er mehrere Variationen malte und auf das sich Foucaults anschließende theoretische Betrachtung bezieht, zeigt eine Pfeife und darunter den Satz: “Ceci n’est pas une pipe”.

PipeZeichnung

Variation von „Ceci n’est pas une pipe“

Foucault entdeckt auf den ersten Blick in Magrittes Bild eine Eindeutigkeit und Einfachheit, wie sie in einem Buch über Botanik zu finden wäre: Eine Abbildung und einen dazugehörigen Text darunter. Gleichzeitig erkennt er darin aber auch eine Zirkularität, die erst die Abbildung einer Pfeife zeigt, dann aber sich mit Schrift und den darauffolgenden Worten “Dies ist…”, sich anscheinend auf die obige Abbildung bezieht, plötzlich aber in Bedeutung von Sprache negiert, dass das folgende Wort “Pfeife”, mit dem wir gemeinhin das bezeichnen, was oben abgebildet ist, das sei, was oben abgebildet ist.

Magrittes zweiteilige Aussage aus Bild und Sprache ist gleichzeitig wahr, als auch unwahr und damit paradox. Durchschauen lässt sich diese Paradoxie nur, wenn man anerkennt, dass die Abbildung der Pfeife (die auch eine Meerschaumpfeife, oder eine Friedenspfeife hätte sein können) nur eine Abbildung eines Gegenstandes ist, den wir in unserer Welt sinnvoll mit dem Wort “Pfeife” bezeichnen und wir es mit zwei Sinnebenen zu tun haben – der der Sprache und der des Bildes.

Wenn das oben allerdings keine Pfeife, sondern nur eine Abbildung von etwas ist, das wir gemeinhin als Pfeife bezeichnen, was ist dann Schrift, beziehungsweise die Abbildung von Buchstaben auf einer Leinwand, die normalerweise Träger von Malerei ist?

Erst die Paradoxie in Magrittes Bild führt vor Augen, wie leicht unsere Gewohnheit, mit Bildern, Schrift und ihren Bedeutungen umzugehen, aufs Glatteis zu führen ist. Das Problem dabei ist, dass Bildebene und Bedeutungsebene sich unterscheiden, gleichzeitig sich aber auch beeinflussen und überlagern. Beide Ebenen funktionieren für sich alleine, sind aber auch voneinander abhängig. Zu Bildern haben wir sofort Sprache im Kopf und zu Sprache sofort Bilder. Um diesen Automatismus geht es und um die Frage, welche Bilder wären außerdem noch möglich und welche Worte kämen für diese Bilder dann außerdem in Frage?

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Dies ist kein Apfel

Bedingungen mit-denken
Für den Menschen ist eine derartige „Verkürzung“ und Einschränkung des Möglichkeitsraumes von Bildern und Sprache aus rationalen Gründen bei der Alltagswahrnehmung unbedingt notwendig. Wenn man das Wort Pfeife liest, hat man das Bild einer sehr allgemeinen Pfeife vor Augen. Im Bereich großer Bildarchive allerdings, die dadurch, dass sie stetig anwachsen und sie durch ihren Gebrauch zunehmend die gesellschaftliche Vorstellung davon übernehmen, wie eine Pfeife aussieht, wird jedoch die durch Technik bedingte Gleichsetzung von Abbildung und Abbild abermals zum Problem...

Bilder sind, wie die Sprache, ein gesellschaftlich-kulturelles Konstrukt, das in Bewegung ist und sich verändert. Allerdings bleiben bei der Übertragung von Bildern mit einer dazugehörigen Bezeichnung (wie in einem Botanikbuch) in Datenbanken, unter einer strengen Verwendung von festgelegten Ordnungsprinzipien, alle anderen, wahrscheinlich einfach nur banaleren Möglichkeiten, auf der Strecke. Kurz gesagt, es gibt einfach zu wenig Bilder von einfachen Äpfeln, Pfeifen, Indianern und Krankenschwestern, dass diese rein mengenmäßig die Ergebnisse einer Bildersuche in Datenbanken mit ihrer „Normalität“ beeinflussen würden. Diese Dinge haben kommunikationswissenschaftlich gesprochen eben einen geringeren Informationsgehalt, als dass man sie abbilden und gar mit dem zubehörigen Wort versehen müsste – deshalb tauchen sie nicht auf und deshalb verändert sich der abgesteckte Rahmen der Möglichkeitsraumes der uns zeigen könnte, wie Indianer noch aussehen…

Wir müssen bei der Betrachtung von Bildern, die selbst natürlich Medien sind und uns über weitere Medien vermittelt werden, uns klar machen, dass diese Bilder aus konkreten Gründen so sind, wie sie sind und sie aus einem begrenzten und abgesteckten Rahmen stammen, in dem definiert ist, wie die Abbildung einer Sache aussieht, die grundsätzlich auch ganz anders aussehen könnte.

Auch wenn man heute weiß, dass Bilder nicht die Realität widerspiegeln, sondern Abbildungen einer subjektiv konstruierten Wirklichkeit sind, sind Bilder doch insofern wirklichkeitsbildend, als dass sie aus einem unbestimmt bestimmten Möglichkeitsraum – in diesem Fall dem des Internet – stammen und sie dort Bedingungen unterliegen, die vor allem durch große Zahlen bestimmt sind, die sie verändern und sich damit rein mengenmässig unsere Wirklichkeit verändert.

Die Aufgabe besteht darin, entweder mehr Bilder von Äpfeln, Indianern und Krankenschwestern zu machen, oder noch stärker als bisher, Bilder anzuzweifeln – richtig kompliziert wirds nämlich, wenn der abgebildete Apfel tatsächlich kein Apfel mehr ist, sondern ein Firmen-Logo…

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Und dies ist auch kein Apfel, könnte aber einer sein.

 

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