Im Gläsernen Turm

Wenn die Finanz-Doku Master of the Universe (BauderFilm 2013) abermals unterstreicht, dass man mit Kategorien von Gut und Böse bei der Beschreibung von Geld und Finanzwirtschaft nicht weiterkommt, es trotzdem aber immer noch ein menschlicher Faktor ist, der sich im globalen Finanzsystem entscheidend auswirken könnte, dann ist viel erreicht…

Der ehemalige Banker und einzige Darsteller des Films, Rainer Voss, dessen Karriere in der Finanzwirtschaft zeitlich etwa mit der Einführung des Computers im Finanzhandel zusammenfiel, führt heute den Zuschauer durch die leeren Räume einer „abgewickelten“ Bank im Frankfurter Bankenviertel. Dabei beschreibt er, wie es war, Teil dieses geschlossenen Systems zu sein und mit schwindelerregend großen Geldbeträgen zu jonglieren…

Voss

Der ehemalige Banker Rainer Voss (BauderFilm 2013)

Tägliche Meldungen, nicht mehr über die Rettung einzelner Banken, sondern über die Kreditwürdigkeit ganzer Staaten und notwendige Rettungsschirme in Höhe hunderter Milliarden, lassen sich nicht einfach mehr anhand von greifbaren Größen, wie Soll und Haben erklären, sondern sie erfordern ein Verständnis komplexer globaler Zusammenhänge.

Beispielsweise aufgrund ausgeklügelter Finanzprodukte, wie Swaps, Futures und Bonds, die aufeinander verweisen, voneinander abhängig sind und mit denen in der Gegenwart Verknüpfungen in eine immer unvorhersehbare Zukunft gesponnen werden, wird es für Menschen heute unmöglich, die Auswirkungen einzelner Handlungen vorauszusehen. Zunehmend werden Verträge abgeschlossen und Geschäfte getätigt, mit unvollständigem Wissen, das heisst, dass ein Risiko, das man nicht, oder nur schwer, einschätzen kann, ständig mitschwingt und dieses gleichzeitig an anderer Stelle mit anderen Verknüpfungen abgefedert werden soll, wodurch wiederum neue unsichere Verbindungen entstehen…

Voss erklärt, dass der automatisierte Computerhandel inzwischen Transaktionen tätigt, nur um zu testen, welche augenblicklichen Auswirkungen das auf dem Markt haben könnte und dass diese anschließend sofort wieder rückgängig gemacht werden. Selbst die räumliche Nähe eines Handelsplatzes zum zentralen Rechenzentrum der Frankfurter Börse kann sich bei derartig instantanen Reaktionen entscheidend auswirken… In einem Zitat des ehemaligen Bankers wird die Verschiebung der zeitlichen Dimensionen deutlich:

„Wenn vor zwanzig Jahren die durchschnittliche Haltedauer einer Aktie (die eine Unternehmensbeteiligung darstellt) mehrere Monate betrug, so ist die durchschnittliche Haltedauer einer Aktie heute auf zweiundzwanzig Sekunden geschrumpft.“

Konferenzraum

Konferenzraum einer „abgewickelten“ Bank (BauderFilm 2013)

Der automatisierte Handel macht potentielle Finanzgeschäfte aus, bei denen sich auch nur geringe Gewinnmargen durch einige Stellen hinter dem Komma andeuten. Entsprechend hohe Investitionen können daraus ein lukratives Geschäft machen  – wenn allerdings komplexe Zusammenhänge, von denen man zwar weiß, man sie aber nicht genau kennt, daraus ein Verlustgeschäft machen, geraten andere Gleichgewichte aus dem Ruder und bewirken wiederum Verschiebungen, die man vorher nicht in Betracht gezogen hat.

Dabei verwehrt sich Voss deutlich gegen das Vorurteil, dass die Finanzwirtschaft reine Spekulation und Zockerei sei, oder gar bewusste Täuschung – sicher gibt es Schwarze Schafe, aber die Regeln des Finanzmarktes sind grundsätzlich transparent und auch aufgrund der digitalen Datenverarbeitung kämen Unregelmässigkeiten früher oder später ans Licht. Grundsätzlich gibt es Finanzprodukte, die an einigen Stellen sinnvoll sind, aber an anderen Stellen Schaden bewirken… Viel eher sind es häufig rein menschliche „Irrationalitäten“, wie Ahnungen, Befürchtungen, oder die blinde Orientierung am Verhalten anderer, die zu Turbulenzen im fragilen Gleichgewicht führen können. Nach Voss Meinung werden – wenn sich nichts entscheidendes ändert – derartige Turbulenzen zukünftig größer werden und schwerwiegendere Folgen haben… Gründe dafür liegen in der Vergangenheit, aber Neoliberalismus, Deregulierung der Märkte und schließlich digitale Kommunikationstechniken sind nur Faktoren, keine Ursachen…

Rainer Voss staunt heute über die unüberschaubaren Summen, die täglich bewegt und zur Rettung von Banken und Staaten aufgebracht werden. Er wirkt wie aus einem Rausch erwacht, der ihn lange beherrscht hat und für den er auch privat Kompromisse eingehen musste. Es ist die Faszination am System der Finanzwirtschaft, sich als „Master of the Universe“ zu fühlen, wovon Voss spricht, gleichzeitig dabei aber einen Blick für andere Wirklichkeiten ausserhalb des Systems zu verlieren…

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Illustration: Christoph Niemann

Kommentar:

Die Probleme scheinen in der Natur des Geldes zu liegen, an alles den Maßstab von Zahlen anlegen zu können und seiner gleichzeitigen Auflösung in reine Kommunikation. Spätestens seit der Aufhebung des Gold-Standards in den frühen Siebziger Jahren hat das Geld seine greifbare Form endgültig verloren. Der Wert des Geldes hat also längst keine materiellen Grundlage mehr, sondern liegt viel mehr in seiner Funktionalität und darin, dass es von allen benutzt wird. Der Wert des Geldes bestimmt sich heute eher durch Begriffe, wie Vertrauen, Risiko, Gegenwart, Unsicherheit und Zukunft.

Geld selbst ist dabei keinesfalls gut, oder böse, es funktioniert nur viel zu gut – zumindest so lange, wie sich alle darauf einigen, dass es gut funktioniert… Insofern ist es das Vertrauen ins Geld, was man sich mit Rettungsschirmen erkauft… Wenn man abermals die Funktion des Geldes betrachtet, an alles einen Wertmasstab anzulegen, wie hoch kann dann das eigene Vertrauen in sich selbst bemessen sein? Eigentlich nicht hoch genug….

Selbst wenn das Geld an verschiedenen Stellen vermeintlich „gute“ oder „böse“ Dinge bewirkt, „vergisst“ das Geld danach diese Widmung und wird wieder nur zu Zahl und zu Information und reiner Potentionalität, um Risiken der Zukunft beherrschbar zu machen – macht dabei aber gleichzeitig selbst die Risiken der Zukunft an anderen Stellen unbeherrschbarer ….

 

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